Kurzgeschichten

Ein kleiner Hund erobert seine Welt / Kurzgeschichte

Laut und schrill erklang die Klingel an der Haustür. Ich zuckte zusammen. Kamen jetzt etwa Menschen, die mich von meiner Mama wegholen wollen? Die mich mitnehmen und nicht wieder zu meiner Mama zurückbringen? So wie es mit meinen beiden Schwestern und meinem Bruder geschehen war?

Ich kuschelte mich fest an meine hübsche Mama, die so weich war wie ein Sofakissen. Meine Mama hatte weißes, krauses Fell und fast schwarze Augen. Ich mochte sie sehr gerne, genauso wie die Menschen, bei denen wir wohnten. Sie waren nett und freundlich zu uns.

Aber ich glaube, ich sollte mich erst einmal bei Ihnen vorstellen. Mein Name ist Annabell und ich bin ein kleines weißes Pudelmädchen. Die Menschen, bei denen wir zu Hause sind, sagen, dass ich besonders hübsch und lieb bin, nur leider bin ich scheinbar für meine Rasse etwas groß geraten. Nun ja, was soll man da machen? Ich gerate eben ganz nach meinem Vater und nicht nach meiner zarten Mama. Vielleicht ist meine Größe auch der Grund dafür, warum mich noch keiner haben wollte. Wobei ich nicht traurig darüber bin, denn ich fühle mich hier recht wohl. Nur meine Geschwister vermisse ich schon sehr.

Ich hörte im Wohnzimmer Geräusche und laute Stimmen. Ich wusste, gleich würden meine Mama und ich geholt, und den Menschen, die gerade gekommen waren, vorgestellt werden. So war es schon öfter gewesen, und dann waren meine Geschwister nicht wiedergekommen. Und zum Schluss blieb ich mit Mama allein zurück. Ich war in der Zwischenzeit schon vier Monate alt, für einen Hund muss das schon ziemlich alt sein, denn unsere Menschen sagten immer.

„Wenn wir Annabell nicht bald verkaufen, dann wird sie zu alt, dann kauft sie keiner mehr.“

Auch gut dachte ich dann, es gefällt mir hier doch ganz prima.

Die Tür ging auf und die junge Frau, die von allen Sigrid genannt wurde, kam herein. Sigrid war immer besonders nett zu uns. Oft nahm sie mich auf den Arm, um mit mir zu schmusen, was mir gut gefällt. Sie schimpfte auch nur ganz wenig, wenn mir mal wieder ein kleines Malheur passierte und unter mir plötzlich alles nass war. Ich weiß ja, dass ich in den Garten gehen soll, um meine Geschäfte zu erledigen, aber man glaubt gar nicht, was es für einen kleinen Hund alles zu entdecken gibt. Und dann ist es meist auch schon geschehen, wieder ist ein kleines Bächlein entstanden.

Sigrid nahm mich auf den Arm und streichelte sanft über mein Fell. Meine Mama rannte hinter uns her, sie ließ mich nicht aus den Augen.

Im Wohnzimmer standen vier ziemlich große Menschen, die mich erwartungsvoll anblickten. Sigrid ließ mich auf den Fußboden hinunter und ich wusste nicht so recht, was ich tun sollte.


Also steckte ich erst einmal die Nase auf den Boden und tat sehr geschäftig.

„Ach Schatz“, säuselte die schon etwas ältere Dame, „der ist aber süß! Schau nur, wie er an meinem Schuh knabbert.“

„Niedlich ist sie schon“, antwortete ihr Mann, „aber für vier Monate schon ganz schön groß.“

Ich war genervt, jetzt ging das schon wieder los. Ich war eben nicht so klein wie meine Mama oder meine Geschwister. Aber wenigstens hatte der Mann schon mal festgestellt, dass ich ein Mädchen war.

Noch ein Wort über meine Größe und ich beiß dich in dein Bein, dachte ich, und sah mir den Mann mal etwas genauer. Er sah eigentlich recht freundlich aus. Was mir nicht so gut gefiel, war sein Fell im Gesicht. Die Menschen waren doch sonst immer ganz glatt im Gesicht. Komisch, dieser Mensch hatte Fell im Gesicht. Allerdings nur am Kinn und an den Wangen. Auch die Menschen sind eben nicht vollkommen, genauso wenig wie ein kleiner Hund auch.

Die Frau mit der sanften Stimme sagte: „Wie findet ihr die kleine Annabell, Kinder?“

Kinder sagte sie zu so großen Menschen, also, das wusste ich nun wirklich besser. Kinder waren ziemlich laute und kleine Wesen, und nicht so groß wie die beiden. Ich fand, sie sahen aus wie ganz erwachsene Menschen.

Die jüngere von den Damen nahm mich vorsichtig auf den Arm. Als sie mich an sich drückt, stieg ein angenehmer Duft in meine Nase. Sie roch so gut und sie hatte schöne helle Haare. Also, sie gefiel mir ausnehmend gut.

„Ich finde sie auch süß, Mama, wir sollten sie nehmen. Schau nur, wie lieb sie sich an mich schmust.“

Scheinbar war sie doch noch ein Kind, sonst würde sie ja wohl nicht Mama sagen.

Heimlich seufzte ich. Also gibt es das auch bei Menschen, dass die Kinder zu groß geraten, ging es mir durch den Sinn.

Der jüngere Mann sagte zu dem Mann mit dem Fell im Gesicht. „Ich finde Mairon und Mama haben recht, Papa. Sie ist wirklich süß. Ich finde es auch nicht schlimm, dass sie etwas größer ist.“

Ich schloss aus seinen Worten, dass er auch ein zu groß geratenes Kind war. Die beiden konnten mich also gut verstehen.

Es dauerte dann auch nicht mehr lange und der Kauf war perfekt. Ich gehörte von jetzt an den vier fremden Menschen, und ich wusste nicht, was auf mich zukam.

Meine Mama hatte ganz traurige Augen als die Frau, die alle Mama nannten, mich auf den Arm nahm und das Haus verließ.


Mein Herz klopfte ganz laut

Mein Herz klopfte ganz laut, ich hatte schreckliche Angst. Würde ich meine Mama nie wiedersehen?

Die Frau setzte sich in ein ziemlich großes Auto und drückte mich sanft an sich. Ich rollte mich auf ihrem Schoß zusammen und ließ mich von ihr streicheln.

Als das Auto fuhr, wurde mir ein wenig schlecht, obwohl ich zugeben muss, dass der Mann nicht sehr schnell fuhr. Ich war trotzdem froh, als wir nach relativ kurzer Zeit anhielten.

Es war ein schönes Haus mit einem großen Garten, in dem ich jetzt wohnen würde.

Im Wohnzimmer setzte die Frau mich auf einen hellen, weichen Teppichboden. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Wenn ich mich hier vergesse, dann wird es sicher ein Donnerwetter geben. Überhaupt sah alles sehr sauber und gepflegt aus. Ob ich mich hier wohl richtig benehmen konnte?

Alle vier Menschen setzten sich auf den Fußboden und sahen mir zu, wie ich mir meine neue Welt eroberte. Zuerst einmal beschnupperte ich alles, was in Reichweite meiner Nase war. Die Menschen waren ganz entzückt von mir. Es machte ihnen scheinbar großen Spaß, mich anzusehen.

Aber mein Name gefiel ihnen nicht, sie nannten mich ab sofort Sweety. Ich fand den Namen etwas albern, aber wenn sie glücklich dabei waren, dann sollten sie mich so nennen.

So nach und nach erfuhr ich, dass der Mann mit dem Fell im Gesicht Hergen hieß, und die Frau Johanna. Aber ich beschloss, sie wie die großen Kinder es auch taten, Mama und Papa zu nennen, das erschien mir so vertraut.

Die Kinder, die ja eigentlich keine waren, hießen Bernd und Mairon.

In der ersten Nacht sperrten sie mich in ihr Badezimmer ein. Allerdings stellten sie mir ein weiches Körbchen mit hinein. Sie streichelten mich alle zärtlich und ließen mich dann ganz allein.


Oh, war das schrecklich

Oh, war das schrecklich, so allein zu sein, ohne meine Mama und meine Geschwister. Nein, das konnte ich mir nicht gefallen lassen. Ich beschloss, herzerweichend zu weinen, und siehe da, es dauerte nicht lange, da stand Papa in der Tür.

„Was ist denn los, du musst doch schlafen Sweety“, schimpfte er mit mir. Ich zog den Schwanz ein und verzog mich in mein Körbchen. Aber lange hielt ich es nicht aus, ich wollte einfach nicht allein sein. Also fing ich wieder an zu weinen und zu jaulen.

Gott sei Dank dauerte es nicht lange, da stand Bernd in der Tür.

„Du willst nicht allein sein, oder?“, fragte er mich und nahm mich auf den Arm. Wie schön wäre es, wenn ich jetzt sprechen könnte, um ihm zu sagen, wie einsam ich bin und wie sehr ich mich fürchten würde, dachte ich traurig.

Ganz eng schmiegte ich mich an ihn und ein Seufzer von mir sollte ihn erweichen, mich mitzunehmen.

„Ich nehme dich mit in mein Zimmer, Sweety, aber du musst ganz leise sein, die anderen müssen es nicht unbedingt merken“, flüsterte er mir liebevoll zu.

Ich war erleichtert, endlich war ich nicht mehr allein. Und man stelle sich vor, ich durfte sogar auf seiner Bettdecke, ganz nah bei ihm schlafen. Das war so schön.

Als Mama uns am nächsten Morgen wecken wollte, wurde sie sehr böse mit Bernd und mir.

„Bernd!“, schimpfte sie, „ein Hund gehört nicht ins Bett, gewöhne es ihm nicht an.“

Schade dachte ich, im Bett gefällt es mir doch so gut, aber das wird jetzt sicher vorbei sein.

Doch was soll ich sagen, ich bin jetzt schon sieben Jahre bei meiner Familie, und ich schlafe manchmal sogar am Fußende von Mamas Bett, obwohl sie dann mit mir schimpft.


Aber sie schimpft so lieb

Aber sie schimpft so lieb, dass ich mich in der Nacht immer wieder in ihr Bett schleiche, wenn sie fest schläft.

Für einen kleinen Hund ist es nicht so einfach, wenn er in eine neue Familie kommt. Ich habe allerdings verdammt viel Glück gehabt, meine Familie geht ganz lieb mit mir um.

Ich weiß es von den Hunden, die ich auf der Straße treffe, nicht allen geht es so gut wie mir. Am liebsten würde ich sie alle mit zu mir nach Hause nehmen, aber ich glaube, dass würde Mama nicht erlauben.

Papa ist heute sehr froh, dass ich nicht so klein geblieben bin. Er sagt oft zu Mama: „Wie gut, dass Sweety nicht so klein ist, mit ihr kann man so richtig rumtoben, ohne dass sie gleich zusammenbricht.“

Überhaupt, im Geheimen ist Papa ja für mich der Liebste von allen. Aber das zeige ich natürlich nicht so deutlich, damit die anderen nicht traurig werden, denn sie haben mich alle sehr lieb. Das merke ich daran, wie sie mit mir umgehen.

Wenn Papa sich auf den Sessel setzt, warte ich nicht sehr lange und springe auf seinen Schoß. Ich lege meinen Kopf an seine Schulter und versuche, mit meinem Pfötchen seine Hand zu erreichen. Ein sicheres Zeichen für ihn, jetzt möchte Sweety gestreichelt werden.

Dann lacht er mich zärtlich an und sagt zu mir: „Na gut, du kleiner Quälgeist, du willst wieder gestreichelt werden.“ Ach, Papa ist so lieb zu mir, und ich habe mich auch an sein Fell im Gesicht gewöhnt.

Bernd und Mairon wohnen jetzt nicht mehr bei uns, aber sie kommen mich oft besuchen. Letzte Woche brachte Mairon einen ganz kleinen Menschen mit. Mama war ganz verzückt und beachtete mich nicht mehr. Aber das lasse ich mir natürlich nicht gefallen. Ich ging zu ihr hin und stupste mit der Nase an ihr Bein. Ich setzte meinen treuesten Blick auf und schon lachte Mama mich an.

„Ist ja gut Sweety, du bist doch meine Beste.“

Na also, es geht doch! Ich bin eben doch wichtiger als der neue kleine Mensch.

Was ich allerdings nicht verstehen kann, ist, wieso Papa die Mama jetzt immer neckt und kleine Omi zu ihr sagt. Manchmal ist er schon recht albern.

Wie schon gesagt, ich bin jetzt sieben Jahre bei meiner Familie. Mir geht es sehr gut bei ihr. Aber es gibt so viele Brüder und Schwestern, denen es nicht so gut geht.

Und darum möchte ich herzlich bitten, wenn Sie einen Hund sehen, dann gehen Sie lieb mit ihm um, denn auch ein kleiner Hund hat ein ganz großes Herz.

Die Götter lassen dich nicht sterben, Bettina / Kurzgeschichte

Sanft setzte das Flugzeug auf, die Geschwindigkeit wurde stark abgestoppt und die Passagiere in die Sitze gepresst.
Bettina und Helmut von Langen hielten sich an den Händen und schauten sich tief in die Augen. Sie verstanden sich auch ohne Worte. Leicht drückte er die Hand seiner zarten blassen Frau, deren Haut schon fast ein wenig durchscheinend wirkte. Als sie das Flugzeug verließen, schlossen sie für wenige Augenblicke die Augen, gleißende Sonne empfing sie und hüllte sie mit ihrer Wärme ein.
Kreta, die Insel der Götter, der Sonne und der Liebe. Für Bettina und Helmut war es vor allem die Insel ihrer Liebe. Hier hatten sie sich vor mehr als zehn Jahren kennengelernt. Was als Urlaubsflirt begann, war das große Gefühl für ein ganzes Leben geworden.
Behutsam half er Bettina die Gangway hinunter. Als er sah, wie sie mühsam Schritt für Schritt die Stufen hinabstieg, klopfte sein Herz schmerzlich.
Was nutzt mir mein ganzes Geld, dachte er beklommen, wenn ich Bettina verliere. Wie unwichtig erschienen ihm in diesem Moment die Villa in der Nähe von Stuttgart und das Ferienhaus in Spanien. Wie wenig bedeutete ihm plötzlich die Fabrik für Damenbekleidung, die er zusammen mit seinem Bruder führte.
Von seinem Vater gegründet, war die ehemals kleine Fertigung unter seiner Führung gewachsen und hatte heute einen großen Stellenwert in der Bekleidungsindustrie. Jeder kannte ‚von Langen‘ Modelle.


Bettina ist krank

Seit zwei Monaten wussten sie, dass Bettina sehr krank war. Sie litt an Leukämie. Die Ärzte hatten ihnen nicht viel Hoffnung gemacht. Sicher, sie musste nicht gleich morgen sterben, doch so, wie es aussah, blieb ihr nicht mehr allzu viel Zeit. Sie stellten selbst fest, dass Bettina immer schwächer und anfälliger wurde.
Nachdem der Arzt ihnen den Rat gegeben hatte, ein mildes und warmes Klima würde Bettina ein wenig Lebenskraft zurückgeben, hatte er sich spontan entschlossen seine Geschäfte stehen und liegen zu lassen, um mit ihr nach Kreta zu fliegen.
Nicht nur für einen Monat, sondern für unbestimmte Zeit. Er hatte in einem kleinen Dorf, fernab von jeglichem Trubel, ein einfaches bescheidenes Häuschen gemietet.

Mit Vater und Bruder hatte er deswegen zu Hause sehr viel Ärger auf sich genommen. Sie konnten nicht verstehen, dass er die Fabrik für unwichtiger empfand, als Bettina ihren sehnlichsten Wunsch zu erfüllen, auf Kreta vielleicht die letzten Wochen oder Monate ihres Lebens zu verbringen.
Nur seine Mutter, die an der sanften stillen und fügsamen Bettina wie an einer eigenen Tochter hing, hatte sich hinter ihren Sohn gestellt und für Bettina wie eine Löwin gekämpft.
Selten hatte er seine Mutter so kämpferisch erlebt. Sie ordnete sich sonst ihrem dominanten, manchmal starrsinnigen Mann völlig unter. Oft glaubte er, seine Mutter müsse an der Härte ihres Mannes zerbrechen, doch still ertrug sie seine Launen. Helmut wusste, dass sie ihn auch heute noch liebte.
Die Abfertigung am Flughafen Heraklion war schnell erledigt. Sie nahmen sich einen Leihwagen und fuhren beinahe anderthalb Stunden ihrem ersehnten Ziel entgegen.
Das Häuschen lag mitten in den etwas kahlen Bergen an einen Hang gebaut. Bettinas Augen strahlten ihn an, als sie das Haus erblickte, welches weiß und sauber mit der Sonne um die Wette strahlte.


Erfrischender Wind

Indem sie ausstiegen, empfing sie ein angenehmer und erfrischender Wind. Sie erklommen eine etwas steile Treppe und standen dann auf einer großen Terrasse, auf der hübsche bunte Gartenmöbel standen. Von Deutschland aus hatte Helmut alles mit ihrem Vermieter geregelt, der sich freute, das Häuschen für einen längeren Zeitraum vermietet zu haben.
Helmut schloss die Haustür auf und schob Bettina hinein. Sie konnten ein geräumiges Schlafzimmer, ein hübsch eingerichtetes Wohnzimmer, eine kleine Küche, in der alles vorhanden war, und ein sauberes weißes Bad mit Beschlag belegen.
Bettina trat auf die Terrasse hinaus. Der Anblick, der sich ihr bot, begeisterte sie von der ersten Minute an. Als sie nach links sah, konnte sie in nicht allzu großer Entfernung das Meer erblicken. Es erschien ihr fast so blau wie der Himmel über ihr. An der rechten Seite, ganz nah, befand sich ein riesiges Bergmassiv. Außer ihrem Domizil gab es nur noch sehr wenige weitere Häuser, die sich an den Berg duckten.

Etwa dreihundert Meter entfernt entdeckte Bettina ein etwas verfallen wirkendes Haus, das sicher irgendwann einmal weiß gewesen sein musste, jetzt aber in einem schäbigen Grau der Sonne und dem Wind trotzte.
Sie sah Schafe und Hühner in einem provisorisch zusammengezimmerten Stall. Und obwohl alles einen ungepflegten Eindruck machte, erschien es Bettina seltsam vertraut und anheimelnd.
Helmut trat hinter sie und umfing sie zärtlich mit seinen Armen. Sie schmiegte sich eng an ihn, so als erwartete sie Stärke und Hilfe von ihm. Sie vertraute ihm mit jeder Faser ihres Herzens und war glücklich, wenn er in ihrer Nähe war.

„Schau mal, Helmut“, sprach sie ihn an, „dieses Häuschen da gegenüber zieht meine Blicke wie magisch an. Ich weiß nicht warum, aber es macht auf mich den Eindruck von Glück und Harmonie.“

Zärtlich lächelte er sie an. „Kleine Träumerin, da steht doch nur ein schäbiges halb verfallenes Haus, vor dem ein paar Hühner, Schafe und ein alter Mann dahinvegetieren. Aber wenn es dich glücklich macht, dann träume weiter. Nur du zählst für mich, und wenn du glücklich bist, ist die Welt für mich in Ordnung.“

Warm schaute sie zu ihm auf. „Ich fühle es, Helmut, hier an diesem Ort, auf der Insel unserer Liebe, werde ich wieder gesund werden. Und dann werde ich dir ein Kind schenken. Die kleine Tochter, die du dir immer gewünscht hast.“

Verloren schauten seine Augen in die Ferne. Wie schön wäre es, wenn ihre Worte stimmten und sie wieder gesund werden könnte. Ein Kind, ja, das hatte er sich gewünscht, aber wie wenig zählte dieser Wunsch, wenn er daran dachte, wie krank sie war.

Seit er sie kannte, war Bettina ein wenig kränklich und anfällig gewesen, und obwohl sie sich beide ein Kind gewünscht hatten, war ihre Hoffnung bis zum heutigen Tag nicht erfüllt worden.


Jeden Wunsch von den Augen abgelesen

In den nächsten Tagen umgab er Bettina mit großer Fürsorge. Er versuchte, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Manchmal fuhren sie den Berg hinunter, um Einkäufe zu erledigen, oder in eine einsame Bucht, um den lebhaften Wellen zuzusehen, wie sie sich an den Felsen, die die Bucht einhüllten, brachen oder langsam im weichen Sand ausrollten.

Eng aneinander gekuschelt schauten sie diesem Schauspiel immer wieder gerne zu. Nur selten gingen sie essen. Meistens bereiteten sie sich eine einfache aber schmackhafte Mahlzeit in der kleinen Küche zu, setzten sich nach draußen auf die Terrasse und genossen das schöne Wetter, die Sonne, den leichten Wind und die frische seidige Luft.

Bettina war nach wie vor sehr schwach und meist konnte sie nur geschützt auf einer Liege ruhen. Dabei sah sie manchmal vor dem gegenüberliegenden Haus den alten Mann auf der verfallenen Bank sitzen. Sein Hund, der ebenfalls schon recht gebrechlich wirkte, lag ihm zu Füßen. Selten fand Bettina den Mut, ihm zuzuwinken, und freute sich dann, wenn er seine Hand hob und zurückgrüßte.

Wieder begann ein neuer Tag wie alle vorherigen, seit sie auf Kreta weilten, mit herrlichem Sonnenschein. Sie hatten zusammen ihr Frühstück eingenommen und Helmut hatte darüber gewacht, dass Bettina brav ihre vorgeschriebene Medizin nahm. Danach brach Helmut auf, um im Dorf einzukaufen.

Bettina blieb alleine zurück. Wie gebannt schaute sie hinüber zu dem baufälligen Haus. Fast hypnotisch zog sie sich feste Schuhe an und schritt den beschwerlichen steinigen Weg entlang, der zu diesem Haus führte.

Wie an jedem Tag saß der alte Mann zusammen mit seinem Hund auf der Bank. Als er sie kommen sah, lachte er sie mit seinem zahnlosen Mund freundlich an. Der Hund hob nur kurz seinen struppigen graubraunen Kopf. Schüchtern trat Bettina näher und sagte leise: „Hallo!“

Der alte Mann klopfte mit der Hand auf die Bank und forderte sie auf, sich neben ihn zu setzen.

Bettina wunderte sich nicht, dass er sie auf Deutsch ansprach. Es war für sie irgendwie selbstverständlich, dass sie die gleiche Sprache beherrschten. „Ich heiße Bettina“, stellte sie sich vor.

Wieder lächelte der zahnlose Mund sie an, und in gebrochenem Deutsch lispelte er: „Ich habe dich schon oft vor dem schönen Haus gesehen. Warum bist du nicht schon eher zu mir gekommen? Ich weiß, dass du großen Kummer hast.“

„Jetzt bin ich hier!“, lächelte Bettina zurück. Voller Vertrauen erzählte sie ihm von ihrer Krankheit, von der großen Liebe zu ihrem Mann und von der Angst, die sie vom ersten Tag an vor ihrem harten Schwiegervater gehabt hatte.

„Bald werde ich sterben“, sagte sie traurig, „und dabei möchte ich noch so gerne leben. Ich bin doch gerade erst zweiunddreißig.“


Seine Augen blickten sie wissend an

„Du wirst nicht sterben, Kind. Ich weiß, du wirst leben. Bettina, die Götter lassen dich nicht sterben.“

Schmerzlich erwiderte Bettina seinen eindringlichen Blick. Es erschien ihr, als könne er ihr Inneres erkennen.

Sie blieb noch eine halbe Stunde bei ihm sitzen und fühlte sich seltsam geborgen in seiner Nähe. Bevor sie sich auf den Rückweg machte, legte er ihr noch eine Knolle in die Hand.

„Diese Knolle musst du schälen und dann drei Stunden bei schwacher Flamme kochen. Den noch warmen Saft trinkst du in kleinen Schlucken. Er nimmt alles Böse aus deinem Körper. Du wirst sehen, bald geht es dir besser. Komm jeden Morgen zu mir und hol dir eine frische Knolle. Da oben, hoch auf dem Berg, baue ich sie an. Es ist eine Wunderpflanze, die allen Schmutz aus deinem Körper herausholt.“

Bedächtig nickte er mit dem Kopf und verschwand, ohne ein weiteres Wort zu sagen, in seinem Haus.

Langsam ging sie den Weg zu ihrem Haus zurück. Sie hatte das Gefühl, als würde die Knolle in ihrer Hand wie Feuer brennen, aber eisern hielt Bettina sie wie einen kostbaren Schatz fest.

In ihrer Küche machte sie sich sofort an die Arbeit. Sie setzte den Topf auf den Herd und schnitt die Knolle in kleine Stücke. Sie fügte Wasser hinzu und ließ alles aufkochen. Dann stellte sie die Flamme auf klein, genauso wie es seiner Anweisung entsprach.

Als ihr Mann nach Hause kam, war das ganze Haus in einen ungewöhnlichen Duft eingehüllt.

„Was kochst du da, mein Schatz?“, wurde sie von ihm gefragt.

Sie erzählte ihm, was sie erlebt hatte. Fast unwirsch sagte er daraufhin: „Du darfst aber auf keinen Fall deine Medikamente vergessen, du musst sie täglich einnehmen. Ich glaube nicht an diesen faulen Zauber. Es wäre mir lieber, du würdest nicht wieder dort hingehen.“

Sie hörte nicht auf ihn, sondern ging weiter immer zur selben Zeit zu dem alten, weisen Mann. Als Helmut die Knolle einmal sah, lachte er laut auf. „Na, der gute alte Herr ist ein Spaßvogel, die sieht ja aus wie Knollensellerie.“

„Das habe ich zuerst auch gedacht, aber sie riecht und schmeckt völlig anders. Es kann nicht Knollensellerie sein.“

Helmut sagte nichts mehr dazu, aber er begleitete Bettina auch niemals zum Nachbarhaus, obwohl sie ihn häufig darum bat.

Mit dem alten Mann verband sie inzwischen eine tiefe Freundschaft. Sie meinte, ihn schon ihr ganzes Leben lang zu kennen.

Täglich bekam sie eine Knolle von ihm, kochte sie und trank dann den bitteren Sud.

Nach vier Wochen stellte sie erste Veränderungen an sich fest. Sie hatte wieder guten Appetit und fühlte sich nicht mehr so leer und ausgebrannt. Die Spaziergänge, die sie mit Helmut unternahm, wurden länger und sie war seltener müde.


Auch Helmut bemerkte die Veränderungen

Er schob sie allerdings auf die Medikamente und die klimatische Umstellung.

Bettina blühte auf, sie nahm an Gewicht zu, ihre Haut war sanft gebräunt, die Haare wieder voll und glänzend.

Sie waren nun schon fünf Monate auf der Insel, als wieder einmal im Krankenhaus in Heraklion eine Blutuntersuchung anstand. Schon die letzte Untersuchung war wesentlich besser ausgefallen.

Bettina dachte kaum noch an ihre Krankheit. Es war inzwischen September geworden und noch immer war das Wetter warm und sonnig. In den vergangenen Monaten hatte es nicht einmal geregnet. Jeden Tag unterhielt sie sich mit dem alten Mann. Sie sprach mit ihm über ihre Ängste und Kümmernisse und er hörte ihr geduldig zu. Gemeinsam versuchte er, mit ihr zu ergründen, warum sie manche Dinge so schwernahm. Er gab ihr Anreize über sich selbst und ihr Leben nachzudenken. Und jeden Morgen holte er ihr eine neue Knolle vom Berg. Sie sah ihn mühselig den Berg hochgehen, um nach wenigen Minuten wieder hinunterzusteigen.

Auch an diesem Tag ging sie zu ihm. Sie war ängstlich, denn heute würde sie das Ergebnis der neuerlichen Untersuchung erfahren.

Der alte Mann strich ihr über das Haar. „Habe keine Angst, Bettina, du wirst nur Gutes erfahren. Du wirst mich nicht mehr brauchen. Du bist gesund.“

„Ich werde dich immer brauchen, du bist mein Freund. Wenn wir zurückkommen, wird es zu spät sein, dir zu berichten, wie das Ergebnis ausgefallen ist, aber gleich morgen früh werde ich wieder bei dir sein.“

Er sagte nicht ein Wort, sondern ging gebeugt in sein Haus zurück. An der Tür drehte er sich um, hob die Hand und lächelte ihr zu.

Im Krankenhaus erhielt Bettina eine wunderbare Nachricht. Ihre Blutwerte waren sehr gut.

„Meinen Glückwunsch“, sagte der Arzt auf Englisch. Er beherrschte die deutsche Sprache nur sehr spärlich. „Sie sind gesund! Wieder einmal hat die Medizin ein kleines Wunder vollbracht.“

Bettina verzog spöttisch ihre Lippen. Sie wusste, nur der alte Mann aus den Bergen hatte dieses Wunder wahr werden lassen.

Helmut war völlig aus dem Häuschen. Auf der Rückfahrt griff er immer wieder nach ihrer Hand, und als Bettina ihn bat, sie am nächsten Morgen zu ihrem Freund, dem alten Mann zu begleiten, stimmte er freudig zu.

Am kommenden Morgen sah Bettina ihn nicht den Berg erklimmen. Sie sah ihn auch nicht vor dem Haus auf der Bank sitzen, und fühlte im selben Augenblick, dass sie ihren besten Freund verloren hatte.

„Helmut“, rief sie ihren Mann, „lass uns schnell rüber laufen, es stimmt etwas nicht, vielleicht ist er krank. Er ist jeden Tag um die gleiche Zeit auf den Berg gestiegen, um mir die Knolle zu holen, und dann hat er vor dem Haus auf mich gewartet. Ich kann ihn heute nicht entdecken.“

So schnell ihre Füße sie trugen und der steinige Weg es erlaubte, rannte sie dem Haus entgegen.

Die Haustür stand offen, doch kein Geräusch war zu hören. Sie riefen laut nach ihm, erhielten aber keine Antwort. Das kleine Häuschen war leer. Auf dem wackeligen Holztisch fand sie einen Zettel, auf dem in kaum lesbarer Schrift geschrieben stand: „Die Götter haben dir geholfen, Bettina, du wirst mich nicht mehr brauchen.“


Der alte Mann kam nicht wieder

Alle Nachforschungen, die sie im Dorf betrieben, verliefen im Sand. Kaum einer hatte ihn gekannt.

Vor Jahren war er genauso plötzlich aufgetaucht, wie er jetzt verschwunden war. Nur der Bürgermeister wusste zu berichten, dass er das alte Häuschen vor vielen Jahren von seiner verstorbenen Tante geerbt hatte. Er war allen im Dorf ein wenig unheimlich gewesen, deshalb hatte man sich nicht um ihn gekümmert. Er war ein Einsiedler, den jeder mied.

Bettina wusste es besser. Er war ein einfühlsamer Mensch, der Dinge wusste und kannte, die den meisten Menschen verborgen blieben.

Manchmal dachte Bettina, wenn sie auf ihrer Terrasse stand und auf das alte verfallene Haus starrte: Vielleicht war er ein weiser Mann, den die Götter mir geschickt haben. Denn was hatte er mir bei unserer ersten Begegnung gesagt: „Die Götter lassen dich nicht sterben, Bettina.“

Voller Liebe schmiegte sie sich an ihren Mann und war dankbar, dass sie die große Liebe zu ihm weiterhin erleben durfte.

Der Regenbogen des Lebens / Kurzgeschichte

Jutta Reinert Kurzgeschichte / Regenbogen des LebensEs ist fast magisch zu nennen, wenn wir Menschen einen Regenbogen am Himmel entdecken. Der Bogen mit den hellen Farben, der von der Erde bis in den Himmel geht, jedenfalls wirkt es so auf uns, erfasst unsere Sinne. Die meisten bestaunten diesen Regenbogen und sind glücklich, ihn zu sehen.

Unsere Geschichte beginnt in einem Land im Süden, in dem die Sonne die Menschen wärmt und die Tage ein bisschen heller erscheinen, als wir es in den dunkleren, nordischen Ländern erleben.

Eine Gruppe, sagen wir mal, etwas reiferer Damen, saß zum ersten Mal zusammen auf der überdachten Terrasse eines Lokals nahe am Mittelmeer. Die Stimmung war eher unterkühlt, man kannte sich noch nicht so gut und konnte die anderen Frauen nur schlecht einschätzen. Irgendwie wollte auch die Sonne ihre herrlichen Strahlen an diesem Tag nicht richtig zeigen. Der Himmel war bedeckt aber die Luft für Ende November immer noch recht warm.

Alle Damen verband aber eigentlich ein Ziel, sie wollten miteinander eine angenehme Zeit verleben, vielleicht ein wenig dem Alltag entfliehen und einfach nur freundlich und entspannt miteinander reden.

Man hatte sich vorher schon über die modernen Medien ein wenig beschnuppert und dabei festgestellt, dass nicht alle der anderen etwas älteren Mädels den eigenen Vorstellungen entsprachen. Jede von ihnen hatte ihr Leben bis dahin gelebt und so manches schwere Päckchen tragen müssen. Es war in diesen Medien auch schon mal etwas heftiger zugegangen und böse Worte waren geschrieben worden. So herrschte zwischen einigen Frauen ein etwas schwieriges Verhältnis.


Sie lebten ja auch in den unterschiedlichsten Welten.

Mit einem Partner, allein, sogar mit der ganzen Familie oder mit einem kleinen Hund, der ihr Leben bedeutete. Die einen standen sehr früh auf, andere machten die Nacht zum Tag und schliefen dann morgens gerne etwas länger.

Die eine Frau war in ihrer Gefühlswelt eher ein wenig überschwänglich, was ruhigere Exemplare ziemlich verwirrte. Manche waren mit einer lauten Stimme gesegnet, andere dagegen nicht ganz so stimmgewaltig. Eben eine gemischte Gruppe, teilweise völlig unterschiedlich denkender Frauen.

Man wollte so gerne eine harmonische Gruppe sein, die auch mal füreinander einsteht.

So richtig wollte es noch nicht gelingen, aber alle waren gewillt einen Weg zu suchen, den man gemeinsam gehen konnte.

Plötzlich war ein begeistertes Gemurmel zu hören und alle schauten in wunderbarer Einheit auf den wunderschönen Regenbogen, der, so sah es aus, dem Mittelmeer entstieg und den Himmel erklomm. Die Farben waren sanft und schienen Geborgenheit zu vermitteln.

Die Damen sahen in diesem Regenbogen einen alten Mann mit einem Kind an der Hand. Das Kind hatte ein liebevolles Strahlen im Gesicht, so wie es nur Kinder vermochten.


Das kleine Mädchen

Das kleine Mädchen mit den goldblonden Locken ging voller Fröhlichkeit und Wärme zu jeder einzelnen Dame und umarmte sie. Es sagte kein Wort aber sein Wesen wirkte so warmherzig, dass keine Worte nötig waren.

Die Damen staunten und fühlten eine große Ruhe in sich aufsteigen, als eine Stimme sagte: „Wie soll Frieden in der ganzen Welt sein, wenn ihr wunderbaren Frauen es nicht schafft, friedlich miteinander umzugehen? Es ist nicht immer leicht, die Werte und Gefühle eines anderen Menschen zu verstehen und vielleicht sogar auszuhalten. Aber wäre es dann nicht besser, die eigenen Worte zu überdenken, bevor sie geschrieben oder gesprochen werden? Manchmal ist es ratsam, einfach nur stumm zu bleiben. Ihr müsst nicht alle Menschen lieben, aber ihr solltet sie achten. Wenn ihr euch über einen anderen Menschen ärgert und seine Wortwahl nicht versteht, dann nehmt ihn gedanklich erst einmal in den Arm, bevor ihr eure Antwort schreibt oder sprecht. Sie wird viel weicher ausfallen und trotzdem eure eigene Wahrnehmung ausdrücken“.

So plötzlich wie sich der Regenbogen gezeigt hatte, verschwand er auch wieder und mit ihm das liebevolle kleine Mädchen und der weise alte Mann.

Die Damen staunten und fragten sich, ob sie das soeben Geschehene wirklich erlebt hatten oder es nur ihren Gefühlen geschuldet war.

Man lächelte sich freundlich zu und alle bösen Worte und sogar Gedanken waren einer hellen friedvollen Verbundenheit gewichen.

Die Weihnachtszeit kommt in großen Schritten auf uns zu. Manche Menschen lieben diese Zeit, andere finden sie kitschig und vollkommen überflüssig, aber sie sollte uns eigentlich an den Sinn des Lebens erinnern. Wir sollten friedvoll und harmonisch miteinander umgehen, vielleicht mal auf unsere innere Stimme hören, die uns wahrscheinlich nur eine kleine Umarmung eines Kindes schickt oder die Worte eines weisen Mannes oder einer weisen Frau.

Es sei der Autorin gestattet, ihre Fantasie in diese Geschichte einzugeben, denn manchmal fangen so die wahren Märchen an.


Corona Virus / Es ist nicht mehr so still

Viele Wochen sind nun vergangen und ein schreckliches Virus begleitet uns noch immer. Corona will noch nicht gehen und wir müssen damit leben. Keiner weiß, wie lange noch.

Nein, ich habe immer noch keine Angst, aber ein unwohles Gefühl ist geblieben.

In Spanien sind die Vorschriften jetzt nicht mehr ganz so streng. Nach den vielen Wochen, in denen wir nur zum Einkaufen das Haus verlassen durften, können wir jetzt endlich nicht nur in unserem Dorf spazieren gehen.

Mein Mann und ich sind vor Corona gerne um Mitternacht noch zu einem Spaziergang aufgebrochen. Wir lieben es, durch die leeren und ruhigen Straßen zu gehen.

Jetzt müssen wir um 23:00 Uhr wieder in unserem Haus sein. Ein wenig wie früher als wir jung waren. Mami und Papi gaben uns die Zeit vor, wann wir zu Hause zu sein hatten. Heute ist es der spanische Staat, der uns sagt, wann die Nachtruhe beginnt.

Noch vor wenigen Tagen war es ganz still auf der Straße, nur sehr selten sahen wir jemanden mit seinem Hund Gassigehen. Es war kein Auto zu sehen, aber vor allem nicht zu hören.

Plötzlich war eine Zeit angebrochen, sagen wir mal, die Corona Zeit, die mich innehalten ließ. Es war so still. Ich nahm nur die Natur wahr. Nichts störte mein kleines Stelldichein mit ihr. Alles erschien mir, trotz Corona, so friedlich. Ein kleiner Windhauch und schon sangen die Blätter an den Bäumen ein Lied. Ich hörte das Mittelmeer, das nicht weit von unserem Haus entfernt ist, seinen eigenen Gesang in die Welt geben. Ich nahm das zarte Zwitschern der Vögel auf und freute mich an ihrer sanften Melodie.


Corona kam und wir hatten wieder Zeit

Corona kam und wir hatten wieder Zeit, auf diese wundervollen Dinge zu achten. Ich war schon immer gerne in der Natur. Doch hatte ich sie vorher auch so zauberhaft wahrgenommen, wie jetzt, in unserem kleinen Garten? Ich liebe dieses kleine Stück Land, erfreue mich an den Blumen und den noch kleinen Orangen-Bäumchen. Lasse mich vom Duft der Blüten verführen und hoffe, dass ich irgendwann einige Orangen ernten werde. Aber noch nie kamen mir unser Haus und unser Garten wie eine kleine Festung vor, die mich und meine Familie vor einem unheimlichen Virus schützen muss.

Natürlich mache ich mir auch Sorgen, ob meine Lieben alles gut überstehen. Ob sie ihren Job behalten können? Die Antwort darauf ließ nicht lange auf sich warten und ich wusste, dass Corona mit seinen finanziellen Auswirkungen auch meine Familie getroffen hatte.

Mein Mann und ich haben unser Auskommen. Ja, einige finanzielle Einbrüche gibt es, aber damit können wir leben. Ich bewundere meine Kinder und meine Enkel, wie sie die Situation annehmen. Es wird nicht gemeckert oder auf die Politik geschimpft. Wenn meine Enkelin mich anstrahlt und mit mir klönt, dann geht mir das Herz auf. Unseren großen Enkel haben wir schon viele Wochen nicht mehr gesehen, obwohl er nur 100 km von uns entfernt wohnt.

Vor fünf Tagen durften wir endlich wieder zu einem Spaziergang unser Haus verlassen. Unser erster Weg führte uns zum Meer. Wir gingen wie kleine Kinder durch die Straßen, sahen uns glücklich um. Einige Häuser waren frisch gestrichen, da hatten die Eigentümer wohl die Corona-Zeit genutzt und waren im privaten Bereich sehr fleißig gewesen.

Als wir eine ehemalige Nachbarin trafen, strahlten wir uns gegenseitig, aber mit Abstand an. Kein Küsschen, keine liebe Umarmung dennoch das gute Gefühl, einen lieben Menschen zu sehen.


Am Meer atmete ich tief durch.

Es war einfach wunderbar, nach so vielen Wochen das Meer zu erblicken. Ganz langsam ging ich über den Sand hin zu „meinem“ Meer. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Durfte ich eigentlich an den Strand oder war es immer noch verboten. Trotzdem ging ich langsam Schritt für Schritte weiter. Ich genoss den leichten Wind und sah, wie sich die Wellen im Sand brachen.

Bildete ich es mir ein oder war das Wasser total klar? Hatte sich die Natur vielleicht ein wenig von uns Menschen erholt? So schnell wird es wohl nicht gehen, aber mir tat es gut, das Meer hier an unserem Strand so sauber zu sehen.

Es ist schön, wieder ein wenig spazieren gehen zu dürfen. Wir haben die Hoffnung auf die zweite Phase der Lockerungsmaßnahmen, die am Montag starten soll, um dann in ein weiteres Stückchen Freiheit zu starten.

Corona hat viel verändert und es wird in unserem Leben sicher noch mehr verändern. Menschen, die sich immer schon nah waren, sind noch näher zusammengerückt. Andere melden sich fast täglich, obwohl sie fast 2.500 km entfernt wohnen. Es sind gute Freunde, die uns schon weit über 30 Jahre begleiten. Sie haben Angst um uns, weil sie permanent hören, wie heftig Spanien vom Coronavirus erfasst wurde.

Ich bekomme liebe Nachrichten auch von Menschen, die ich nur wenig kenne, die mich aber glücklich machen. Oder wenn mir eine Freundin hübsche Fotos von ihrem süßen Enkel schickt, der in diese schwierige Zeit hinein geboren wurde. Ich freue mich darüber, dass ich durch die Fotos und kleinen Videos an der Entwicklung von so einem niedlichen Schatz teilnehmen kann. Das tut meiner Seele gut und mit solchen Erlebnissen kommt jeder von uns besser durch diese ungewöhnliche und schwere Zeit.


Facebook

Wenn ich bei Facebook manche Kommentare lese, kann ich nur den Kopf schütteln und frage mich, ob intelligente Menschen wirklich so etwas glauben, was sie da so posten oder teilen. Menschen, die ich glaubte zu kennen. Allerdings bin ich der Auffassung, dass jeder seine eigene Meinung haben sollte, egal ob sie mir oder anderen gefällt. Am Anfang habe ich noch darauf geantwortet, das mache ich heute kaum noch. Ich will meine Zeit nicht mit solchen, in meinen Augen, unmöglichen Posts verschwenden. Manchmal lese ich den einen oder andern noch, aber so ein Gedankengut ist einfach nicht meins. Dann lasse ich mich eben als Schlaf-Schaf bezeichnen, wie ich es immer wieder lese, wenn jemand diese hetzerischen Posts anders beurteilt. Da kann ich gut mit leben, denn Schäfchen sind doch süß.

Keiner von uns weiß, was noch kommen wird. Keiner wird es mit Posts, in denen Hetze verbreitet wird, ändern. Aber die Schreiber und Verbreiter machen vielen Menschen mit solchen Äußerungen nur noch mehr Angst. Wir werden merken, was das Leben noch für uns bereithält.

Jetzt habe ich fast einen kleinen Roman geschrieben, was ich eigentlich gar nicht wollte. Ich hoffe, es hat euch trotzdem ein wenig Spaß gemacht, meine Gedanken zu lesen.

Alles Liebe, bleibt gesund und habt trotz allem noch Freude am Leben, denn wir haben nur dieses eine Leben.


Habe ich Angst? / Vor einem unheimlichen Virus.

Habe ich Angst vor einem unheimlichen Virus?

Es ist still geworden hier bei uns in Spanien. Meine Familie und ich leben in Spanien und das eigentlich sehr gerne. Lebe ich immer noch voller Freude hier, jetzt in dieser Situation? Wäre ich in Deutschland besser aufgehoben?

Ja, ich lebe immer noch gerne hier. Egal, wo ich mich befinden würde, sicher bin ich in keinem anderen Land.


Unsere Welt steht so langsam überall still.

Dieses unangenehme Virus nimmt uns unseren gewohnten Lebensraum. Wir dürfen nicht mehr auf die Straße, können keinen lieb gewordenen Spaziergang mehr machen und unsere Familie und Freunde nicht treffen.

Wieder empfinde ich es wunderbar und bin voller Dankbarkeit, dass unsere Kinder neben uns wohnen. Wir können sie sehen, mit ihnen sprechen. Umarmt haben wir uns nun schon mehr als zwei Wochen nicht mehr, denn unser Sohn und Schwiegertochter arbeiten in Firmen, die arbeiten dürfen, und treffen somit auf andere Menschen. Vorsicht kann nicht verkehrt sein. Abstand muss sein.

Meine beiden schon erwachsenen Enkelkinder sind meinem Herzen so nah. Auch wenn unser großer Enkel 100 km von uns entfernt, in Valencia lebt und leider nicht zu uns kommen kann, ist er in Gedanken immer bei mir. Wir telefonieren und schreiben uns, manchmal machen wir eine Video-Schaltung. Ich kann ihn sehen und bin in dem Augenblick unheimlich glücklich. Wenn er dann auch noch sagt: “Omi, pass ganz gut auf dich und Opa auf“, macht es mich froh. Er wird an Ostern nicht nach Hause kommen können, aber er wird dennoch bei uns sein.


Mein kleines blondes Friesenpüppchen, hat mich und ihren Opa sehr gerührt.

Inzwischen ist auch sie erwachsen. Gleich am Anfang der Ausgangssperre kam sie zu uns und sagte sehr energisch: „Ich kaufe jetzt immer für euch ein. Ich will nicht, dass euch etwas passiert. Ich will euch nämlich noch lange behalten. Ihr seid so wichtig für uns.“ Wenn sie kommt, um den Einkauf mit mir zu besprechen und mich dabei anlacht, ist es, als ob ein warmer Sonnenstrahl mich berührt.

Wie wunderbar ist es, zu merken, wie wichtig wir unserem tollen Sohn, unserer lieben (Schwieger)Tochter und unseren fürsorglichen Enkeln sind. Wobei, wir wissen es zu jeder Zeit, aber jetzt tut es besonders gut.

Heute ist der fünfzehnte Tag oder schon der sechzehnte oder siebzehnte Tag unserer auferlegten Quarantäne oder besser unserer Ausgangssperre? Plötzlich ist es überall ruhig, ganz still. Wir hören kaum noch mal ein Auto, nur die Polizei fährt durch unsere Straße. Aus dem Lautsprecher erklingt manchmal eine ernste Stimme, die uns Menschen auffordert, unsere Häuser nicht mehr zu verlassen. Das sollte inzwischen eigentlich jeder wissen und sich auch daran halten. Manchmal fahren sie auch mit fröhlicher Musik an den Häusern vorbei. Das gefällt mir und ich finde es schön. Aber ich frage mich schon, ob man mir hier gerade meine Freiheit, die Kontrolle über meinen Alltag nimmt?


In irgendeiner Weise schon, aber es ist in meinen Augen natürlich vollkommen richtig so.

Gestern schien, im leider zur Zeit ziemlich verregneten Spanien, endlich mal wieder die Sonne. Ich ging in meinen kleinen sehr hübschen Garten, sah meine blühenden Blumen und erfreute mich daran, wie die Blätter an meinem Apfel- und Birnenbaum sich leicht im Wind bewegten. Das herrlich frische Grün tat den Augen gut. Am Orangenbaum zeigen sich viele wohlriechende, feine weiße Blüten. Ich schnupperte und war fast ein wenig betäubt von ihrem lieblichen Duft.

Unser gemütlicher Relaxsessel im Garten nahm mich gerne auf, als ich mich hineinsetzte. Die weichen Polster schmiegten sich an meinen Körper. Ich schaute mir den fast schon kitschig blauen Himmel an und fühlte mich von der warmen Sonne wohlig umsorgt.

Es war so still, ungewohnt still. Keine Nachbarn waren zu hören, kein fröhliches Kinderlachen. Aber dann nahm mein Ohr das zarte Gezwitscher der Vögel wahr und ich hörte das Lied, das unser nicht weit entferntes Mittelmeer, scheinbar gut gelaunt, von sich gab. Der leichte Wind umschmeichelte meine Haut. Es tat so gut, unsere schöne Natur zu hören und zu spüren.


Leider regnet es heute wieder heftig.

Es ist, als ob der Himmel weinen würde, über das, was auf unserer schönen Welt gerade passiert.

Ich verfolge im Internet, was dort alles geschrieben wird, und wundere mich darüber, was manche Menschen so von sich geben. Da bekomme ich oft eine Gänsehaut. Haben die Verschwörungstheoretiker recht mit ihren düsteren Voraussagen? Wird es tatsächlich so schlimm kommen? Ich bleibe positiv und glaube daran, dass unsere Welt sich vielleicht verändern wird, aber auch dann müssen wir damit zu leben lernen. Was das Leben noch für uns bereit hält, weiß ich nicht, aber andere Menschen ganz sicher auch nicht.

Ich horche in mich hinein, habe ich Angst vor dem unheimlichen Coronavirus? Angst, nein Angst habe ich nicht, aber ein ungutes Gefühl.

Wir werden sehen, wie sehr so ein Virus unsere Welt verändert. Vielleicht auch uns Menschen? Denken wir anders, wenn wir diese Krise überwunden haben?

Wir wissen es heute noch nicht und können nur versuchen, alles was kommt, anzunehmen.

Ich wünsche euch trotz aller Einschränkungen eine gute und gesunde Zeit.