Die kleinen Falten am Morgen

Gestern rief mich eine langjährige Freundin aus Deutschland an. Sie hatte mir vor einigen Wochen ein Foto geschickt, auf dem ich ihren Mann und sie bewundern konnte. Ich hatte ihr gesagt, wie gut und jugendlich sie doch noch aussehen würde.

Am Telefon klang sie jetzt aber irgendwie traurig, fast schon verbittert. Ihr Mann hatte ihr in einem Streit vorgeworfen, dass er ihr so langsam das Alter ansehen würde. Nun ja, sie ist in meinem Alter und mit 67 Jahren sind wir nicht mehr taufrisch. Wir haben die längste Strecke unseres Lebens hinter uns und überall zeigen sich kleine Abnutzungserscheinungen. Der Motor läuft zwar noch recht gut, aber die kleinen Dellen an der Karosserie sind schon zu sehen.


Ist das wirklich so schlimm?

Sind es nicht die Fältchen, die uns und natürlich auch anderen zeigen, dass wir gelebtes Leben hinter uns haben?

Ich bin überhaupt kein Gegner davon, wenn Frau oder auch Mann sich dafür entscheidet, einige Fältchen verschwinden zu lassen, mithilfe eines Chirurgen oder eben anderer Methoden, von denen es ja einige gibt. Ich habe viele Jahre in meinem eigenen Kosmetikstudio gearbeitet und weiß daher, wie viele Frauen unglücklich über Fältchen oder gar Falten sind. Schlimm finde ich allerdings die maskenhaften Gesichter, die bei den Eingriffen manchmal entstehen, wenn die Korrektur nicht gut gemacht wurde.

Ich selbst würde an mir zwar nichts machen lassen, aber das ist meine Einstellung. Und ich habe das Glück, zwei tolle Frauen als meine Vorbilder zu haben. Meine liebste Omi und meine großartige Mutter. Zwei Frauen, die mit ihren teilweise vielen Fältchen glücklich durchs Leben gingen.

Meine Mama hatte das ganze Gesicht voller kleiner Plissee-Falten, wie sie immer fröhlich verkündete. Sie war bis ins hohe Alter eine fröhliche, positive und sehr schöne Frau, trotz der Runzeln in ihrem Gesicht. Mein Vater liebte sie bis zur letzten Minute seines Lebens. Er sah ihre Plissee-Falten nicht. Er sah nur ihre wunderbare Lebensart, ihre Schönheit und Ausstrahlung, die auch durch Falten nichts an ihrer Lebendigkeit verloren hatten.

Meine Omi war auch so ein liebevoller, wunderbarer Mensch, deren Güte in den Augen abzulesen war. Diese kleine zarte Frau war so voller Lebensbejahung und ist in Würde alt geworden, nur mit Nivea-Creme.


Aber zurück zu meiner Freundin.

Sie war verzweifelt über die Aussage ihres Mannes und hatte Angst, ihre große Liebe an eine Jüngere zu verlieren. Sie wollte sich nun unters Messer legen, um für ihn wieder schön zu sein. Würde sie ihn damit halten können, stellte sich hier die Frage? Waren es wirklich die kleinen Veränderungen in ihrem Gesicht, die ihn zu seiner Aussage gebracht hatte?

Ich konnte es mir nicht vorstellen. So oberflächlich kannte ich ihn nicht. Ich fragte meine Freundin, ob sie mit ihm über ihre Ängste gesprochen hätte. Nein, hatte sie nicht. Sie hatte ihm auch nicht gesagt, wie sehr seine Worte sie getroffen hatten. Sie meinte, damit würde sie ihn doch erst recht darauf aufmerksam machen, dass sie gealtert wäre. Zum Glück konnte ich sie davon überzeugen, ein Gespräch mit ihm zu suchen.

Ich blieb nach dem Telefonat etwas traurig und sehr nachdenklich zurück. Wie unwichtig sind diese Äußerlichkeiten eigentlich? Ich weiß es ja von meinen Kundinnen von damals und heute auch von meinen Leserinnen, dass viele Frauen sich mit dem älter werden schwertun. Es muss aber doch nicht gleich der Chirurg sein, bei so vielen ungefährliche Möglichkeiten, die Haut schön und gepflegt zu erhalten. Klar, manchmal hilft auch keine Creme. Manche Frauen haben ein schwaches Bindegewebe und die Erdanziehungskraft ist am ganzen Körper zu sehen, leider auch im Gesicht.


Als ich heute Morgen aufstand,

dachte ich an meine Freundin, stellte mich im Bad vor den Spiegel und schaute mich ganz genau an. Ja, ich erkannte die Spuren des Alters auch in meinem Gesicht. Ich zog die Fältchen um meinen Mund ein wenig zur Seite und fragte mich, ob ich so besser aussehen würde.

Eine leise Stimme flüsterte mir zu: „Du musst dringend etwas machen lassen, du wirst auch nicht jünger.“

„Rede du nur, du blöde Stimme, ich bin ganz zufrieden mit mir“, sagte ich zu meinem Spiegelbild. Ich grinste in mich hinein. Hörte ich jetzt schon Stimmen? Dann würde ich wirklich alt.

Ungeduscht und fern der Heimat rannte ich aus dem Bad und genau in die Arme meines Mannes. Der drückte mich liebevoll an sich, strich durch meine zerzausten Haare und flüsterte in mein Ohr: „Guten Morgen, meine Schöne.“ Genau das hatte ich jetzt gebraucht, seine Liebe und Wärme zu spüren.


Nun, seine Schöne, nämlich ich,

sauste nun doch schnell unter die Dusche, gut eincremen, Haare machen und ein leichtes Make-up auflegen. Ich bekam mein Lächeln kaum noch aus dem Gesicht. Es ist so schön, mit meinem Mann alt zu werden. Er liebte mich mit ein paar Pfunden zu viel, mit kleinen Fältchen im Gesicht, einfach so, wie ich bin.

Ich weiß, das können nicht alle Frauen von sich behaupten und ich danke wieder einmal für unsere liebevolle und fröhliche Ehe. Ich muss keine Angst davor haben in gut zwei Jahren siebzig zu werden. Ich darf mich in meiner Haut wohlfühlen. Wobei, ganz ohne Hilfsmittel komme ich auch nicht aus. Ich färbe meine Haare, nutze gute Pflegeprodukte, die übrigens nicht teuer sein müssen, und nutze Make-up. So kleine Hilfsmittel dürfen wir uns schon erlauben und wer möchte, macht noch etwas mehr. Das kann nur jeder für sich selbst entscheiden. Aber wie ich durchs Leben gehe, ob positiv oder negativ, das liegt an mir selbst. Oft habe ich festgestellt, dass vermeintlich negative Dinge, sich später als positiv für mich entwickelt haben.

Apropos, vorhin rief meine Freundin wieder an und ihre Stimme klang fröhlich. Sie war meinem Rat nachgekommen, hatte ihren Mann angesprochen und ihm ihre Ängste erklärt. Der war total verblüfft, hatte er den Streit doch schon längst vergessen. Er will auf keinen Fall, dass sie sich operieren lässt. „Du bist so eine schöne Frau und ich liebe alles an dir“, hatte er zu ihr gesagt. Es tat ihm entsetzlich leid, durch seine unbedachten und in Wut ausgesprochenen Worte so viele Ängste und Selbstzweifel in ihr ausgelöst zu haben. Sie werden zum Glück weiterhin eine gute Ehe führen.

Vielleicht habt Ihr Lust mir zu schreiben, wie Ihr mit den kleinen oder großen Fältchen umgeht. Ob sie euch so sehr stören, dass sie zu einem Problem werden.

Ich wünsche Euch eine gute Zeit und hoffe, Ihr verliert auch in diesem, durch Corona erschwerten Zeitraum, Eure positive Lebenseinstellung nicht. Denn wie sagte meine Oma immer: „Wahre Schönheit kommt von innen.“ Ich finde, sie hatte recht.

Jutta Reinert


Bücher


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