Cover Ich bin Gegeangen KopieICH BIN GEGANGEN


Marion und Jutta treffen aufeinander als angehende Schwiegermutter und Schwiegertochter.

Marion ist die Freundin von Juttas Sohn Oliver. Beide, Mutter und Sohn, haben immer ein sehr herzliches und fröhliches Miteinander gepflegt.


Marion kommt aus einer zerstörten Familie, die sehr unglücklich ist. Die Mutter schon früh verloren, hat sie Angst vor der schwierigen Stiefmutter und dem kalten Vater. Sie zeigt sich kühl und distanziert, was von Jutta nur schwer zu verstehen ist, trägt sie selber doch ihr Herz und ihre Gefühle auf der Zunge.

Auch wenn Marion sehr verschlossen ist, mag Jutta dieses junge, traurige Menschenkind. Vor allem, als sie fühlt, wie sehr ihr Sohn seine Freundin mag. Sie geht lieb und freundlich mit Marion um, und versucht ihr Vertrauen zu gewinnen.

Marion fühlt sich in der Familie ihres Freundes immer wohler und ist häufig dort zu Gast. Bald schon ist sie mehr bei Olivers Familie als in ihrer eigenen.

Da Jutta zu den eigenen Schwiegereltern nie ein vernünftiges Miteinander hatte aufbauen können, legt sie sehr viel Wert darauf, mit der eigenen Schwiegertochter in spe ein gutes Verhältnis aufzubauen.

Es gelingt ihr auch, aber von Marions Familie wird ihnen das Leben schwer gemacht. So wird Jutta unterstellt, sie würde Marion Drogen geben.Es beginnt eine harte Zeit, in der auch die große Liebe von Marion und Oliver auf die Probe gestellt wird.

Marion wird magersüchtig, hält es zu Hause nicht mehr aus und flüchtet zu Olivers Familie. Jetzt beginnt ein Kleinkrieg, der sich für alle Beteiligten als sehr Nerven belastend herausstellt.

Es geschehen Dinge, die Jutta und ihr Mann nie für möglich gehalten hatten. Doch sie halten zu den jungen Menschen und Jutta hilft Marion, zusammen mit ihrem Arzt, ihre Magersucht zu besiegen.

Eine aufreibende Zeit kann auch positiv enden und die Liebe zweier junger Menschen gewinnt gegen Hass und Missgunst. Das Buch geht auf die verschiedenen Situationen ein und die Episoden werden mal aus Juttas und mal aus Marions Sicht geschildert.


Es ist spannend zu erleben, wie ein und die gleiche Situation von zwei verschiedenen Menschen unterschiedlich gesehen wird.


“ICH BIN GEGANGAN” – Gesellschaftsroman

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  • Titel: ICH BIN GEGANGEN
  • ISBN: 978-1-7903-9272-8
  • Taschenbuch (12,5 x 19,0 cm)
  • Softcover
  • 90g/m² cremeweiß, matt
  • schwarz/weiß
  • Seiten 214
  • Einzelpreis 9,99 Euro
 

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Jutta: Prüfungen des Lebens

Der Sommer ging langsam in einen kühlen Herbst über, als mir auffiel, wie bedrückt mein sonst so fröhlicher Sohn wirkte. Fragte ich ihn, ob ihn Sorgen quälten, schüttelte er den Kopf. „Es geht mir gut Mam, keine Angst.”

Angst hatte ich nicht um ihn, er war gefestigt, so leicht würde ihn nichts umhauen. Es tat mir nur weh, ihn unglücklich zu sehen, obwohl ich natürlich wusste, zu jedem Leben gehören auch einige Regentage. Für niemanden scheint jeden Tag von morgens bis abends nur die Sonne. Und wie heißt es doch immer so schön. ‘An den Prüfungen des Lebens reift der Mensch.’

Marion wurde immer durchsichtiger. Sie erschien mir so dünn und noch trauriger als zu der Zeit, als ich sie das erste Mal gesehen hatte. Ich spürte genau, es bedrückte die beiden jungen Menschen etwas. Was war es nur?

Nach einigen Tagen stellte Marion mir die Frage, ob ich mal mit meinem Mann zusammen ihre Eltern besuchen würde. „Ich habe Zuhause schon gefragt. Meinen Eltern würde der nächste Samstag gut passen.” Sie fügte hinzu: „Bitte, es würde mir so viel daran liegen.”

Begeistert war ich von der Idee nicht gerade. Aber ich wollte ihr eine Freude machen und sagte zu. „Bestell deinen Eltern einen schönen Gruß. Mein Mann und ich kommen gerne und frag sie, ob zwanzig Uhr recht ist?”

„Ja prima, und vielen Dank.” Ihre Augen funkelten, und ich überlegte, warum ihr so viel an der Begegnung liegen könnte.

Auch mein Mann war nicht gerade begeistert, einen der wenigen freien Abende, die wir für uns hatten, mit Menschen zu verbringen, die wir nicht kannten. Außerdem war ihm die Lebenseinstellung der Eltern von Marion und wie sie mit ihrer Tochter umgingen sehr suspekt. Wir nahmen uns allerdings vor, unvoreingenommen dort hinzugehen und Marions Eltern kennenzulernen. Wer weiß, dachte ich bei mir, vielleicht ist Marion auch nur überempfindlich und sie sind gar nicht so schlimm, wie Marion behauptete.

Am Samstag bewaffnete ich mich mit einem Blumenstrauß für Marions Mutter und mein Mann und ich fuhren zusammen mit unserem Sohn los. Ich war so schrecklich nervös, dass mir meine Handtasche in den Schmutz fiel. Mit kleinen unbeholfenen Schritten, die Gesichtszüge verkrampft, stieg ich aus dem Auto und lief die wenigen Schritte bis zur Haustür ziemlich ungelenk.

Von außen war uns Marions Elternhaus schon bekannt, schließlich brachten wir sie fast täglich nach Hause. Es war ein eckiger Kasten mit einem oberen Stockwerk. Von außen ein einfaches schmuckloses Haus.

Wir hatten die Haustür noch nicht erreicht, als Marion sie auch schon von innen aufriss. Ein glückliches Gesicht machte sie nicht gerade. Sie sah aus als hätte sie kurz zuvor geweint. Sie führte uns in einen ziemlich dunklen, ein wenig muffig riechenden Flur.

Mein Herz klopfte bis zum Hals. Ich verstand selbst nicht, warum ich so aufgeregt war. Schon damals muss ich gespürt haben, dass von den beiden Menschen, die uns nun auf dem dunklen Flur steif willkommen hießen, nichts Gutes ausging. Ich riss mich zusammen und versuchte mein schönstes Lächeln aufzusetzen.

Heute bin ich froh, mich nicht im Spiegel gesehen zu haben. Ich glaube, ich hätte mich kaum wiedererkannt. Mein Lächeln war an diesem Abend sicher ziemlich kläglich ausgefallen. Ich fühlte mich schrecklich unwohl und das Gesicht meines Sohnes sprach auch Bände. Nur wer meinen Mann so gut kennt wie ich, merkte, auch er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut.

Wir wurden in ein Wohnzimmer geführt, das mir mit seinen vielen Nippesfiguren etwas überladen erschien. Marions Vater bat uns Platz zu nehmen. Ich setzte mich an den äußersten Rand des Sofas und wagte kaum, mich zu rühren. Die Situation kam mir vor wie die eines jungen Mädchens beim ersten Besuch der zukünftigen Schwiegereltern. Ich weiß nicht was es war, aber Marions Eltern lösten in mir ein großes Unwohlsein aus. Ich war so nervös, dass ich, als ein Getränk vor mir stand, auch schon das Glas umstieß.

Mein Herz blieb für einen Moment stehen. Ich sah Marion an, die mir erzählt hatte, sie würde in ihrem Elternhaus laufend etwas verschütten. Marions Gesicht war ganz weiß geworden. Erschrocken starrte sie mich an.

Ihre Mutter sprang auf, und holte ohne ein Wort zu sagen ein Tuch, mit dem sie die Flüssigkeit hektisch auftupfte. Ihr Vater lächelte etwas säuerlich und sagte mit erstickter Stimme: „Es ist weiter nichts passiert.”

„Nun, diese Ungeschicklichkeit kennen wir von unserer Tochter. Ständig stößt sie etwas um“, ließ sich die unangenehme Stimme ihrer Mutter vernehmen. Wieder erschien ein unsicheres, ich glaube etwas dümmlich wirkendes Lächeln, auf meinen Lippen. „Tut mir sehr leid, ich bin sonst nicht so ungeschickt.”

Die Stimmung war durch meine Ungeschicklichkeit auf dem Nullpunkt angekommen. Ich konnte Marion jetzt recht gut verstehen, wie sollte man sich in dieser Umgebung nur wohlfühlen. Ihre Mutter beobachtete mich ständig mit zusammengekniffenen Augen, die in ihrem breitflächigen Gesicht wie kleine Schlitze aussahen.

Ziemlich deutlich war ihre Abneigung uns gegenüber zu erkennen. Marions Vater unterhielt sich recht höflich mit uns. Ihn fand ich nicht so unsympathisch, wie ich ihn nach Marions Erzählungen eingeordnet hatte.

In einem hatte sie aber ganz bestimmt Recht. Ihre Eltern waren schrecklich lieblos zu ihr. Wenn Marion etwas zur Unterhaltung beitragen wollte, wurde sie unwirsch von ihrer Mutter unterbrochen. Ihr Vater unterbrach sie zwar nicht, zog aber alles, was Marion zum Besten gab, ins Lächerliche.

Und ich fragte mich, was für einen jungen Menschen wohl schwerer zu ertragen ist, eine Mutter, die sie ignorierte, oder ein Vater, der sich lustig über sie machte.

Unser Sohn sprach kein Wort. Sein sonst so freundlicher Blick war eisig. Er sah fast ein wenig leblos aus. Marions Vater sprach ihn nach einigen Minuten des Schweigens mit kalter herrischer Stimme an. „Warum arbeitest du eigentlich nicht?”

Ich wartete gespannt auf die Antwort meines Sohnes. Kochte er innerlich genauso wie ich? Ganz ruhig antwortete er. „Wie kommen Sie darauf, dass ich nicht arbeite. So lange ich auf meinen Ausbildungsplatz als Masseur warten muss, arbeite ich jeden Tag im Geschäft meiner Mutter.”

Ich war stolz auf ihn. Seine Stimme war weder erregt noch unfreundlich, er sprach zwar kühl, aber höflich.

Von Marion wusste ich, ihre Eltern hatten unseren Sohn als berufslosen Jüngling bezeichnet. Und Masseur zu werden, war scheinbar in ihren Augen genauso unehrenhaft wie der Beruf, den ich ausübte.

Ich kochte fast über, hielt mich aber Marion zuliebe zurück. Mein Mann fasste nach meiner Hand, ich war glücklich, dass er neben mir saß. Er wusste, was ich dachte. Marions Eltern waren genauso selbstherrlich und davon überzeugt, nur ihre Meinung sei die richtige, wie meine Schwiegereltern auch.

Ich stehe auf dem Standpunkt, jeder Mensch hat das Recht auf seine eigene und freie Meinung. Diese Meinung darf aber keinem anderen Menschen aufgezwängt werden. Jedoch sah ich mich hier auch Menschen gegenüber, die nur ihre eigene Meinung als die allein selig machende ansahen.

Ich bewunderte meinen Mann, als er freundlich und beherrscht sagte: „Unser Sohn ist ein fleißiger junger Mann, der sich vor keiner Arbeit scheut.” „Wir wollen ihren Sohn auch nicht angreifen“, ereiferte sich Marions Mutter, „aber Masseur ist doch nun wirklich kein Beruf.”

Jetzt war es um mich geschehen. Ich hielt mich nicht mehr zurück. „Ich finde, Sie haben schreckliche Vorurteile und glaube, es ist besser, wir wechseln das Thema.”

Der Abend schleppte sich langsam dahin. Ich blieb nur noch aus Höflichkeit und um Marion nicht noch mehr zu belasten. Ihre Eltern bemühten sich von nun an etwas freundlicher zu sein. Sie stellten uns viele Fragen, die unser Leben betrafen. Sie wurden von meinem Mann meistens höflich beantwortet.

Ich fühlte mich unwohl und entdeckte Ähnlichkeiten zwischen meinen Schwiegereltern und Marions Eltern, die mich erschreckten. Aber sie sollten sich ja auch später, hinter unserem Rücken, gegen uns zusammentun.

In der folgenden Nacht konnte ich nicht schlafen. Mein Herz klopfte wie wild. Es ging mir so schlecht wie sonst immer, wenn ich von meinen Schwiegereltern schlecht behandelt wurde. Ich wünschte mir in dieser Nacht, Oliver hätte Marion nie kennengelernt.

Zu gerne hätte ich den beiden die Demütigungen erspart, denen ich seit fast zwanzig Jahren durch die Eltern meines Mannes ausgesetzt war.

Ich spürte, es würde noch viel Unangenehmes auf uns zukommen. Marions Eltern hatten sich als unbeugsame harte Menschen geoutet. Menschen, denen ich gerne aus dem Weg gegangen wäre. Aber ich hatte das Gefühl, oder besser gesagt, irgendwie wusste ich, Marion und Oliver würden nicht wieder auseinandergehen.

Und sie würden den Kränkungen von Marions Eltern genauso ausgeliefert sein, wie seinerzeit mein Mann und ich denen durch die Eltern meines Mannes.

Sollte sich das Schicksal zwanzig Jahre später auf ähnliche Weise wiederholen wie bei uns? Mit zwei noch sehr jungen Menschen, deren einziges ‘Verbrechen’ es war, sich sehr zu mögen, auch wenn es ihren Eltern nicht gefiel.

Hatte ich noch die Kraft, meinen Sohn zu schützen? Gegen meine Schwiegereltern hatte ich mich nicht durchsetzen können. Meine Seele war noch immer angegriffen und verwundet, obwohl es mir schon wieder erheblich besser ging und ich anfing, mich wieder an meinem Leben zu erfreuen. Es schüttelte mich bei dem Gedanken, dass mein Mann Marions Eltern höflich zu einem Gegenbesuch eingeladen hatte.

Natürlich handelte er richtig. Ich nahm mir ganz fest vor, zu versuchen, mit Marions Eltern gut auszukommen.

Marion: Wünsche ohne Erfüllung

Von diesem Abend hatte ich mir so viel versprochen, und dann dieses Fiasko. Ich schämte mich schrecklich. Es war mir entsetzlich peinlich, wie meine Eltern sich benahmen. Obwohl ich hätte wissen müssen, ein Abend mit ihnen und Olivers Eltern konnte nicht gut gehen. Die Einstellung der beiden Elternpaare war so gegensätzlich. Es war einfach unmöglich, sie zusammenzubringen.

Als Olivers Eltern gingen, verabschiedeten sie sich von mir mit einem Kuss auf die Wange. Ich sah aus den Augenwinkeln, wie sich die Lippen meiner Stiefmutter zu einem hämischen Grinsen verzogen. Ich fror, als ich die eisigen Mienen meiner Eltern sah, nachdem sich die Tür hinter Oliver und seinen Eltern geschlossen hatte.

„Die Frau ist unmöglich!”, wetterte meine Stiefmutter, „Der Vater geht ja noch, aber bei ihr geht alles nur um Gefühle und dass es ihrem herzigen Sohn gut geht. Sie sieht abenteuerlich aus, mit ihrem bemalten Gesicht, und von Figur kann man bei ihr auch nicht gerade sprechen.”

‘Du hast es gerade nötig’, dachte ich. Meine Stiefmutter hatte nämlich wirklich keine gelungene Figur. Es ärgerte mich, dass gerade sie sich erhob, etwas gegen das Äußere von Olivers Mutter zu sagen.

Auch wenn sie nicht ganz schlank war, so war sie doch, im Gegensatz zu meiner Stiefmutter, eine sehr gepflegte Erscheinung.

Ich verabschiedete mich ziemlich schnell und legte mich in mein Bett. Wieder einmal weinte ich mich in den Schlaf. Am nächsten Tag sprachen wir über das Auto von Olivers Eltern. Ich sagte: „Sie haben einen Audi 90 mit 136 PS.”

„So ein Auto gibt es nicht! Das kann höchstens ein Audi 80 sein. Du hast wie üblich keine Ahnung und sprichst über Dinge, die du nicht kennst“, fuhr mein Vater mich herrisch an. „Ich weiß es ganz genau. Olivers Vater hat es mir erzählt. Und er wird wohl wissen, was für ein Auto er fährt.”

„Gib Ruhe, du hast keine Ahnung. Dein Vater hat natürlich Recht“, wies meine Stiefmutter mich zurecht.

Es war so demütigend. Ich wusste ganz genau, dass es stimmte, was ich sagte. Olivers Vater hatte mir alles genau erklärt, weil mir sein Auto so gut gefiel. Die Scheibe Brot, die ich essen wollte, blieb auf meinem Teller liegen. Mein Magen krampfte sich zusammen, ich konnte nichts mehr essen.

Es gelang meinen Eltern immer wieder, mich zu erniedrigen und jegliches Selbstbewusstsein zu nehmen. Heute weiß ich, ein Mensch, der ständig gesagt bekommt, er wäre dumm und frech, glaubt irgendwann einmal selbst, er wäre nichts wert.

Wie gut, dass ich meinen Freund hatte. Wenn ich ihm diese Dinge erzählte, lachte er mich liebevoll an und sagte: „Du bist nun wirklich nicht dumm, dir fehlt nur ein gesundes Maß an Selbstbewusstsein. Aber keine Angst, das bauen wir dir schon wieder auf.”

Er konnte nicht verstehen, wie schrecklich ich mich darüber aufregte, dass mein Vater mir die Sache mit dem Auto nicht abnehmen wollte.

„Du hast Recht, mein Schatz, mein Vater fährt einen Audi 90, scheinbar ist dein Vater nicht auf dem neuesten Stand. Darüber solltest du dich nicht so aufregen, es ist doch völlig unwichtig.”

Für ihn war es unwichtig. Er wurde ja auch nicht ständig von seinen Eltern heruntergeputzt und als dumm und dämlich abgestempelt. Für den heutigen Tag hatte ich mir vorgenommen, ihm die Wahrheit über Rena zu erzählen. Er sollte endlich wissen, dass sie nicht meine richtige Mutter ist.

Doch wo er jetzt so vor mir stand, wusste ich nicht, wie ich es ihm sagen sollte.

Seit er bei uns zu Hause war, wirkte er irgendwie verändert. Viel gesagt hatte er zwar nicht, aber mir war nicht entgangen, wie wenig es ihm bei mir zu Hause gefallen hatte.

Wir saßen in seinem Wohnzimmer und ich begann mit stotternder Stimme.

„Du Olli, ich muss dir etwas erzählen, erschrick aber bitte nicht.” „So leicht haut mich nichts aus den Pantoffeln, also los, um was geht es denn.”

„Wie gefällt dir meine Mutter?”

Er druckste herum und wand sich wie ein Aal.

„Ich will dich nicht kränken, du möchtest aber sicher eine ehrliche Antwort von mir. Also frei heraus, ich finde sie nicht sonderlich sympathisch. Allerdings kenne ich sie zu wenig, um mir ein Urteil zu erlauben. Auf mich macht sie einen kalten und herrischen Eindruck. Es passt zu dem, was du mir von ihr erzählt hast.”

„Und deine Eltern, was haben sie gesagt?”, wollte ich ängstlich wissen.

„Nicht viel. Mein Vater meinte nur, er glaube kaum, mit deinen Eltern warm werden zu können. Wenn ich recht überlege, hat meine Mutter nicht viel gesagt. Ich glaube, ihr gefiel dein Vater besser, wobei sie kein negatives Wort über deine Mutter verloren hat. Sie findet nur, dass du mit deiner Mutter weder innerlich noch äußerlich Ähnlichkeit hast.”

„Das sieht sie richtig”, sagte ich leise. „Rena ist meine Stiefmutter. Meine richtige Mutter ist gestorben als ich zwölf war.” Gespannt wartete ich auf Olivers Reaktion. Plötzlich lachte er laut. Verlegen stimmte ich in sein Lachen ein, obwohl ich mir nicht erklären konnte, warum er so herzlich darüber lachte.

„Na, Gott sei Dank! Sie ist nicht deine Mutter. Das freut mich sehr. Mein Opa hat schon öfter zu mir gesagt: „Schau dir die Mutter genau an, dann weißt du, wie die Tochter wird.“

„Und um ehrlich zu sein, wenn du mit deiner Stiefmutter Ähnlichkeit hättest, wäre mir das nicht besonders angenehm. Ich bin jetzt ziemlich erleichtert.” Darum also, war er mir so verändert vorgekommen. Wir sprachen noch eine Weile darüber und ich bat ihn dann mit mir zu seinen Eltern rüber zu gehen. Ich wollte es hinter mich bringen, auch ihnen zu erklären, wie die Zusammenhänge in meinem Elternhaus wirklich sind.

Es war so einfach, mit ihnen darüber zu sprechen, dass ich nicht mehr verstand, warum ich solche Angst davor gehabt hatte.

Ich erzählte ihnen von meiner verstorbenen Mutter, von meinen Ängsten und Nöten.

„Für Ängste bin doch eigentlich ich zuständig”, lachte Olivers Mutter und erzählte mir ihrerseits von ihren Ängsten und Panikanfällen, die durch ihre Schwiegermutter hervorgerufen wurden.

Sie war sogar etliche Wochen in einer Klinik gewesen, und konnte sich auch derzeit noch nicht ganz von ihren Ängsten lösen.

Es gab viele Ähnlichkeiten zwischen ihr und mir. Sie wurde von ihren Schwiegereltern unterdrückt und nicht ernst genommen, so wie ich von meinen Eltern. Sie erzählte mir, wie sie ihr Selbstbewusstsein erst ganz langsam wiederfand, und gelernt hatte, mit den Ängsten besser umzugehen.

Die Zusammenhänge würde sie aber noch nicht so genau verstehen. Es war scheinbar schwer für sie, zu begreifen, dass sie auf die Angriffe ihrer Schwiegermutter so empfindlich reagierte.

„Weißt du Marion, ich war immer ein ziemlich fröhlicher Mensch. Ich liebe das Leben und ich mag Menschen. Deshalb ist es für mich nicht einfach, zu begreifen, seelisch so angreifbar zu sein.”

Wir sprachen an diesem Tag noch lange miteinander. Ihre Anwesenheit tat mir gut. Diese drei Menschen fanden nichts wichtiger, als mir zuzuhören. Es war einfach schön, dass sie sich so viel Zeit für mich nahmen. Ich sprach über den Tod meiner Mutter, alle meine Gefühle, meine Trauer, die Ängste, die mich plagten. Alles sprudelte aus mir heraus. Es war das erste Mal seit dem Tod meiner Mutter, dass ich mich endlich öffnete. Selbst meine Tante, die sich mir gegenüber nett verhielt, wusste nichts von der großen Traurigkeit, die mich nach dem Tod meiner Mutter erfasst hatte. Es war in meiner Familie absolut unüblich, sich über Gefühle zu äußern.

Irgendwann einmal an diesem Tag erschrak ich über meine Offenheit. Erst jetzt wurde mir bewusst, Oliver hatte während der ganzen Zeit meine Hand gehalten und gestreichelt. Er war ein richtiger Schatz.

Es war mir peinlich, mich derart geöffnet zu haben, doch es wurde mir leicht gemacht, mich zu fangen. Hier lachte mich niemand aus. Keiner war da, der mich wegen meiner Gefühle nicht ernst nahm. Im Gegenteil, man verstand mich und ging lieb mit mir um.


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