Meine tote Schwiegermutter

„Wenn ihre Schwiegermutter den Deckel auf dem Kopf hat, wird es ihnen besser gehen.“ Diese Worte meines damaligen Arztes gehen mir zurzeit nicht mehr aus dem Kopf. Lang, lang ist es her, dass er mir geraten hatte, meine Schwiegermutter aus meinem Leben zu streichen.

Meine reizende Schwiegermutter und ich hatten ein sehr schwieriges Verhältnis. Ich könnte es auch als ein `erzwungenes Verwandtschaftsverhältnis mit Komplikationshintergrund` bezeichnen. Einfach ausgedrückt, es lief nicht zwischen uns. Sie, die Grande Dame, und ich in ihren Augen, ein hässliches Entlein. Das konnte nur schief gehen und war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Auch wenn ihr Ausspruch nicht unbedingt der Wahrheit entsprach verfolgte er mich dennoch seit über vierzig Jahren. Allerdings war es noch ein harmloser Spruch aus ihrem Mund. Sie konnte es noch viel gemeiner.

Als das Telefon heute klingelte, weigerte ich mich wie ein trotziges kleines Mädchen den Anruf anzunehmen. Ich ahnte, dass nichts Gutes auf mich zukommen würde. Ich wollte mich an diesem grauen regnerischen Tag, der eh schon scheußlich begonnen hatte, nicht noch mehr ärgern.

Irgendwie war ich heute ein schmollendes Kind, und das in meinem fortgeschrittenen Alter von immerhin gut sechzig Jahren. Ich denke, meine innere Angst vor dem Alt werden hatte mich am Morgen noch vor dem Aufstehen so unausstehlich sein lassen. Die Zielscheibe meiner unangenehmen Gefühle war mein liebender Ehemann. Dreiundvierzig Jahre musste er es mit mir schon aushalten oder vielleicht doch eher ich mit ihm? Wer weiß das schon, wobei wir uns nicht beschweren konnten, es lief gut mit uns zwei hübschen älteren Herrschaften.

Seit einigen Tagen beherrschte meine liebliche Schwiegermutter mal wieder mein Gedankengut. Ich dachte darüber nach, wie alt sie inzwischen ist. Wie schrecklich musste es für eine Mutter sein, diese Welt zu verlassen, ohne sich mit ihrem Sohn versöhnt zu haben. Ich habe es nie verstanden, wie man als Mutter seinen Stolz und seine Eitelkeiten wichtiger nehmen konnte, als die Beziehung zum eigenen Sohn. Gerne würde ich sie miteinander versöhnen. Das wollte ich schon immer, aber meine Versuche sind kläglich gescheitert. Denn meine Schwiegermutter gab mir die ganze Schuld an der Familien-Katastrophe.

Warum wollte ich die beiden Streithähne oder besser, den einen Streithahn und seine mütterliche Streithenne eigentlich wieder zusammenführen? Klar, ich hatte nie verstanden, warum es immer wieder in Streit ausgeartet war, wenn wir uns gegenüber standen. Aber sollte es mir nicht eigentlich egal sein? Jetzt verrate ich mal etwas, was ich bisher stets für mich behalten habe, weil es eigentlich total bescheuert ist. Nach allem, was mir mein Schwiegermonster angetan hat, habe ich sie irgendwie dennoch gemocht und mein Wunsch, ihr Kind zu sein, hat mich nie so ganz verlassen. Auch in den letzten Jahren, in denen wir kaum noch Kontakt hatten, war bei mir immer eine latente: „hab mich doch lieb Nummer” in meinem Herzen.

Mein Sohn ist für mich das wertvollste Geschenk meines Lebens. Ich würde mein Leben geben, damit es ihm gut geht. Klingt jetzt sehr pathetisch, ist aber so. Warum hat meine Schwiegermutter es nie fertig gebracht, ihren Sohn so zu lieben, dass der eigene Egoismus unwichtig wird? Darauf werden wir wohl nie eine Antwort erhalten.

Die Beziehung, die mein Mann zu seinen Eltern hatte, war schon immer ziemlich angespannt, er war nett und sie waren schrecklich. Doch so kann man es nur oberflächlich betrachtet sehen. Es war sicherlich viel tiefer liegend, was in der Familie ablief.

Doch komme ich mal zurück zu dem Telefonat, welches ich eigentlich nicht annehmen wollte. Ich war eben kein kleines mürrisches Mädchen mehr, sondern eine eigentlich ausgeglichene, nicht mehr ganz junge Frau. Natürlich nahm ich den Hörer ab und wurde damit konfrontiert, dass meine Schwiegermutter gestorben war.

Also, an diesem grauen und unschönen Tag eine schlechte Nachricht? War es wirklich eine Mitteilung, die unangenehm für mich war?

Ich hatte kaum noch etwas von meiner Schwiegermutter gehört und nicht undankbar darüber. Einmal hatte ich noch versucht, wieder mit ihr in Kontakt zu treten. Damals, als mein Mann schwer erkrankt war, im Koma lag und wir nicht wussten, ob er die Krankheit überleben würde. Meine eigene Schwiegertochter, mit der ich mich sehr gut verstehe, hatte mit abgeraten, meine Schwiegermutter anzurufen.
Hätte ich doch bloß auf sie gehört. Ich war aber der Meinung, dass meine Schwiegermutter wissen sollte, wie schwer krank ihr Sohn war.
Mit klopfendem Herzen wählte ich die Nummer und hörte ihre feine, aber doch so kalte Stimme: „Ja bitte“. Sie nannte nie ihren Namen, warum auch immer.
Ich sagte mit zwanghaft um Ruhe kämpfender Stimme: „Jutta hier, ich möchte dir nur mitteilen, dass dein Sohn schwer erkrankt ist. Ich denke das solltest du wissen“.

Eine kurze Pause, in der ich nur ihren Atem hörte, dann kam ein kaltes: „Ich möchte mit dir nicht mehr sprechen und was meinen Sohn angeht, wünsche ich ihm alles erdenklich Gute“.
Damit wurde das Gespräch beendet. Ich schaute betroffen auf meinen Telefonhörer und glaubte, ich sei in einem schlechten Film. Hatte lieb Mütterlein das jetzt wirklich gesagt? Waren Stolz und Eitelkeit ihr wirklich wichtiger, als ihr eigener Sohn? Hatte sie so wenig Herz, dass die Krankheit ihres Sohnes ihr völlig egal war?

Es schien so, und ich nahm mir vor, meinem Mann erst davon zu erzählen, wenn er wirklich wieder ganz gesund und belastbar sein würde.

Nun, die Konfrontation mit dem Tod meiner Schwiegermutter machte mir mehr aus, als ich wahrhaben wollte. Es war irgendwie nicht die Art von Traurigkeit, die einen erfasst, wenn ein geliebter Mensch von uns geht. Ich möchte sagen, es war eine Traurigkeit darüber, dass wir es nicht geschafft hatten, zu Lebzeiten angemessen und höflich miteinander umzugehen. Sie hat mich wohl immer als Konkurrentin gesehen und nicht begriffen, dass das Verhältnis zu ihrem Sohn schon immer angespannt war, schon bevor er mich kennenlernte. Mir die Schuld daran zu geben, war für sie scheinbar der einzige Weg, einigermaßen mit ihrem, in meinen Augen, verpfuschten Leben zurecht zu kommen.

Die Schwester meines Mannes schickte uns dann noch Briefe, die seine Mutter ihm geschrieben hatte, bevor sie starb. Sie war sehr krank und wusste, ihr Leben war nur noch sehr begrenzt. Doch anstatt wenigstens schriftlich und in ihrem Herzen Frieden mit uns zu schließen, waren die Briefe voller Vorwürfe, vor allem gegen mich. Für meinen Mann eine Bestätigung, es war richtig, keinen Kontakt mehr mit ihr zu pflegen.

Als herzige und gute Mutter gab sie ihm den Rat, doch endlich eine Therapie zu machen, damit er sein Leben wieder in den Griff bekäme. Naja, wer so viele Jahre mit mir gelebt hat, musste vielleicht wirklich nicht mehr ganz richtig ticken. Wer weiß? So schwer meine Schwiegermutter mir mein Leben gemacht hatte, so leicht machte sie mir nach diesen Briefen den Abschied von ihr.

Mein damaliger Doktor hatte Recht gehabt. Nachdem sie den Deckel auf dem Kopf hatte, fühlte ich mich endlich wirklich frei. Obwohl ich mich durch meine Übungen längst von ihr befreit hatte und meine Angst- und Panikattacken schon lange zu meiner Vergangenheit gehörten.

Dennoch hat sie mir viele schöne Jahre meines Lebens genommen. Aber ich hatte sie mir nehmen lassen. Denn es sind immer zwei Menschen an einer scheinbar ausweglosen Situation schuldig. Einer, der die Situation herbeiführt und einer, der es sich gefallen lässt.

Heute weiß ich, mein Bestreben nach Harmonie stand mir immer im Weg. Vielleicht hätte ich ihr mal ganz ehrlich meine Meinung über ihr Verhalten sagen sollen.

Ob lieb Mütterlein sich geändert hätte, glaube ich allerdings eher nicht. Aber ich hätte mich vielleicht schon eher von ihr befreien können.

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